Die Stadt Wassenberg im Kreis Heinsberg ist auf den ersten Blick ein überaus ruhiges Nest: Alles scheint hier noch in Ordnung zu sein, die Gärten sind gepflegt, die CDU erreicht noch über 50 % und deren Bürgermeisterkandidat sogar 72 %, der für über eine Million Euro frisch-renovierte Burgberg erscheint dank schicker Beleuchtung im neuen Glanz, eine mehr oder weniger schöne Landschaft mit Wald-/Baggerseen und Wäldern gibt es hier auch noch, seit jeher bilden die örtlichen Vereine das Rückenmark der Gesellschaft. Schön.
Seit Jahren steht auf der Agenda der Wassenberger CDU, den Tourismus zu fördern und die Stadt Wassenberg „lebenswerter“ zu machen. Folgerichtig auch die hohen Ausgaben in die Infrastruktur. Alten- und Pflegeheime prägen das Bild einer Stadt, die demographisch nicht nur älter zu werden scheint, sondern dies auch offensiv fördert. Denn Industriestandorte und Arbeitsplätze gibt es hier beileibe nicht viele, einen Willen, besonders Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen Anreiz zu geben, eine berufliche Karriere einzuschlagen und in Wassenberg eine Familie zu gründen, kann man bei der CDU-Regierung nicht wirklich erkennen. Die Arbeitsplätze, die durch den Tourismus entstehen sollen, dürften wohl nur für die wenigsten Jugendlichen von besonderem Interesse sein, wenn man sich mal die Arbeitszeiten und -bedingungen in der Gastronomie anschaut.
Im Vergleich zu den infrastrukturellen Maßnahmen fallen die Ausgaben für soziale und kulturelle Projekte eher gering aus. Wenn überhaupt dann wird Geld in die hiesigen Vereine gesteckt: Ein neuer Fussballplatz muss reichen, um das Problem der höher werdenden Jugendkriminalität in den Griff zu kriegen. In das Jugendzentrum zieht es auch eher die jüngeren Semester U16. Es mangelt besonders an Freiräume, wo Jugendliche ihre Träume ausleben können und fernab von Leistungszwang und hohen Erwartungen einfach mal unter sich sein können, und Streetworkern, die sich ernsthaft für die Probleme der Jugendlichen interessieren und Lösungen ausarbeiten können.
Was in eine Stadt, die sowohl Touristen als auch wohlhabendere Rentner anlocken will, nun überhaupt nicht passt, sind zum einen Jugendliche, die entweder kriminell sind oder einfach nicht in das Stadtbild passen, und Neonazis.
Den kriminellen (dabei handelt es sich in den meisten Fällen um Vandalismusdelikte) oder unliebsamen Jugendlichen versucht man durch eine private Sicherheitsfirma Herr zu werden, die abends im Auftrag des Ordnungsamtes die Personalien von jedem (!) Heranwachsenden notiert und bei Verweigerung der Auskunft die Polizei anfordert. Zudem kündigte Bürgermeister Manfred Winkens eine Überwachung des Bereichs Bergfried-Gondelweiher durch „kurzfristig montierte Kameras“ an, die das Gelände auch nachts überwachen sollen. In etwa so schön wie eine Mutter, die jede halbe Stunde vorbeikommt, um nach dem Rechten zu sehen.Bei Vandalismus kennt der Bürgermeister und der deutsche Michel eben keinen Spaß, da werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Übeltäter zu erwischen und zu bestrafen.
Und wie sieht es bei den Neonazis aus? Über die Entwicklung der hiesigen Neonaziszene haben nicht nur wir hinlänglich berichtet (hier,hier weiter unten und wir). Von rechtsradikalen Propagandaaktionen, Drohungen bis hin zu organisierten Übergriffen hat die Stadt Wassenberg schon alles erlebt. Doch der Bürgermeister will von einem Neonaziproblem nichts hören, würde dies doch nachhaltig den Ruf der Stadt schaden. Dabei wird dann auch nicht erwähnt, dass viele der Vandalismus-Delikte auf das Konto der in Wassenberg und Umgebung lebenden Neonazis gehen. Unvorstellbar, wie der Bürgermeister nichts von einem Naziproblem wissen will, wo doch wochenlang metergroße Hakenkreuze zentral in Wassenberg an einem Busbahnhof gesprayt waren, das Kürzel der rechtsradikalen Nazibande „Kameradschaft Aachener Land“ („KAL“) nicht nur an Bushaltestellen, sondern auch am Rathaus und der Polizeiwache ins Auge fielen. Jene „Kameradschaft Aachener Land“, die auch nicht davor zurückschreckt, offen die Verbrechen der „Zwickauer Terrorzelle“ zu huldigen. Neonazis aus Wassenberg und der näheren Umgebung engagieren sich äußerst aktiv an rechtsradikalen Aufmärschen, die in der Region federführend von Axel Reitz („Der Hitler von Köln“) organisiert werden. Besonders fällt einem da der junge Neonazi und Familienvater Dennis T. aus Wassenberg-Birgelen ein, der nicht nur an Propagandaaktionen im Kreis Heinsberg beteiligt war, sondern ebenso an tätlichen Übergriffen, wie dem Überfall auf eine alternative Kneipe in Wassenberg und dem Angriff auf einen vermeintlich Linken in Aachen, nachdem er zuvor mit führenden Personen der „KAL“ vor dem Autonomen Zentrum posierte (auf diesem Foto ganz rechts).
Dass bis vor Kurzem rechtsradikale Strafsachen nicht im Pressebericht der Polizei Heinsberg geführt wurden, hat den Neonazis garantiert mit in die Karten gespielt. Richtig einordnen kann die Polizei Heinsberg die Neonaziaktivitäten jedoch bis heute noch nicht. Einfach unverständlich, wie der Jugendbeauftragte der Kreispolizeibehörde Heinsberg Franz Heinrichs die Hakenkreuzschmiereien in einen unpolitischen Kontext zu schieben versucht und die Tatsache völlig außen vor lässt, dass nicht nur Hakenkreuzschmierereien zugenommen haben, sondern ebenso Propagandadelikte in Form von Aufklebern und anderen Werbemittel der „Kameradschaft Aachener Land“.
In Folge solcher und ähnlicher Versäumnisse von Politik und Polizei konnten hier unbehelligt ganze Generationen von Neonazis eine braune Szene aufbauen: Zu erwähnen wären da besonders Christian Malcoci, seit Jahrzehnten einer der führenden Köpfe der militanten Neonazi-Bewegung in Deutschland und in den Niederlanden, sein Sohn Timm, der als (Mit-)Organisator von regionalen Neonaziaufmärschen auftritt und an mehreren brutalen Angriffen beteiligt war, sowie Karl Malcoci, der sich selber als sogenannter „Autonomer Nationalist“ sieht und für kurze Zeit mit Nazi-Hip-Hop für Aufsehen sorgte. Die komplette Malcoci-Familie lebte jahrelang in Wassenberg-Effeld und betrieb von Wassenberg aus einen deutschlandweiten Neonazi-Versandhandel. Dann zog die Familie weg, nachdem ihr Haus unter misteriösen Umständen abbrannte. Allerdings hat die Familie immernoch Kontakte in die Region, besonders Timm Malcoci zieht es desöfteren in den Kreis Heinsberg. So war er unter anderem Anfang des Jahres an einem Überfall auf eine alternative Kneipe in Wassenberg beteiligt, bei dem 14 bewaffnete Neonazis das Lokal stürmten. Der NPD-Vize und Landesvorsitzende der NPD-Mecklemburg-Vorpommern Udo Pastörs lebte jahrelang in Hückelhoven und hatte ebenfalls Kontakte nach Wassenberg. Udo Pastörs fiel besonders häufig wegen Volksverhetzung und seiner sehr (rechts-)radikalen und menschenverachtenden Sichtweise auf.
Aber statt sich dem Problem wirklich zu stellen und Maßnahmen zu ergreifen, das Naziproblem nachhaltig zu bekämpfen, wird von der Wassenberger CDU lieber weiter von einer Umbenennung des „Bündnis gegen Rechtsradikalismus“ in „Bündnis gegen Radikalismus“ schwadroniert, uninformiert darüber, dass in Wassenberg keinerlei Straftaten von Linksradikalen ausgeübt werden, und generell die Frage bleibt, ob die Wassenberger CDU überhaupt eine differenzierte Vorstellung von dem Begriff „Linksradikalismus“ hat. Wenn überhaupt werden hier Autos durch Neonazis angezündet und Steine werden hier auch nicht geworfen. Wie macht sich der „Linksextremismus“ denn nun bemerkbar?
Früher oder später wird sich die Wassenberger Regierung dem Naziproblem stellen müssen, denn für den Tourismus sind Schlagzeilen über braune Schlägerbanden in Wassenberg ein Genickbruch, und den Vandalismus wird man durch mehr Repression auch nicht in den Griff bekommen.
AntifaschistInnen aus dem Kreis Heinsberg
[06.12.2011] Quasi als Nikolausgeschenk gab’s ein kleines Update.
Kommentare
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Anti-KAL
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F.